
Was tun, wenn du die Kunst aufgeben willst: Ein Ratgeber für strauchelnde Künstler
Was tun, wenn du die Kunst aufgeben willst
Ich erinnere mich daran, wie ich vor einer Leinwand saß, an der ich drei Wochen lang gearbeitet hatte, sie anstarrte und einfach nichts fühlte. Keine Frustration. Keine Enttäuschung. Nur einen nüchternen, leisen Gedanken: Wozu das alles?
Ich habe an diesem Tag nicht aufgegeben. Aber ich wollte es. Und wenn du das hier liest, weißt du wahrscheinlich genau, wie sich das anfühlt – diese ganz bestimmte Erschöpfung, wenn dir etwas am Herzen liegt, das einfach nicht voranzukommen scheint. Der Moment, in dem die Lücke zwischen dem, was du dir vorstellst, und dem, was du erschaffen kannst, unüberbrückbar wirkt, und ein Teil von dir sich fragt, ob du es nicht einfach bleiben lassen solltest.
Hier ist, was ich seitdem gelernt habe: Aufgeben zu wollen bedeutet nicht das, was du denkst. Und zu wissen, was man tatsächlich dagegen tun kann, ändert alles.
Warum der Wunsch alles aufzugeben etwas anderes bedeutet, als du glaubst
Es ist fast immer das genaue Gegenteil.
Es gibt eine ganz bestimmte Art von Frustration, die nur dann entsteht, wenn dein Geschmack deinem Können voraus ist. Wenn du deinen Blick scharf genug geschult hast, um zu erkennen, wie eine wirklich gute Arbeit aussieht, aber deine Hände noch nicht so weit sind. Diese Lücke – zwischen dem, was du dir vorstellst, und dem, was du aktuell erschaffen kannst – ist wirklich schmerzhaft. Aber sie ist auch der Beweis dafür, dass du echten künstlerischen Geschmack besitzt. Diese Lücke wird dich nicht frustrieren, wenn du sie erst gar nicht siehst. Und du kannst sie nicht sehen, wenn dein Auge nicht bereits geschult ist.
Die meisten Anfänger spüren diese spezielle Frustration nicht, weil ihnen noch der Blick fehlt, um zu erkennen, wenn etwas nicht stimmt. Die Tatsache, dass du es erkennst – dass dich deine eigenen Arbeiten stören –, bedeutet, dass dein Auge deiner Hand bereits voraus ist. Das ist kein Grund aufzugeben. Das ist ein Grund weiterzumachen, bis deine Hände aufholen.
Aufgeben zu wollen ist fast immer ein Zeichen dafür, dass dir die Sache extrem am Herzen liegt – und kein Zeichen dafür, dass du aufhören solltest.

Traditionelle Zeichnung von Antonio Stappaerts, Mann mit Hut. Mit blauem Stift gezeichnet.
Die verschiedenen Arten von „Ich will aufhören“
Nicht jeder Wunsch aufzugeben ist gleich. Sie alle über einen Kamm zu scheren, ist der Grund, warum die meisten Ratschläge zu diesem Thema nicht wirklich helfen. Das Erste, was du tun musst, wenn dieses Gefühl auftaucht, ist herauszufinden, in welcher Phase du dich eigentlich befindest.
1. Kreativblockade: Du setzt dich hin, um zu zeichnen, und nichts kommt in den Sinn, oder alles, was du machst, fühlt sich falsch an. Es ist weniger ein „Ich habe genug von der Kunst“ als vielmehr ein „Ich bekomme das nicht hin und weiß nicht, warum.“ Die Frustration ist zielgerichtet.
2. Vergleichs-Spirale: Du hast dir die Arbeiten anderer angesehen – auf Instagram, YouTube oder in Portfolios – und irgendwo beim Scrollen hast du angefangen, deine eigenen Werke daran zu messen. Jetzt sieht deine Arbeit schlechter aus als vor dem Scrollen, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat.
3. Existenzielle Zweifel: Das ist die tiefste Ebene. Es ist ein grundlegendes Hinterfragen, ob es sich überhaupt lohnt, das zu tun. Ob du irgendetwas beizutragen hast. Ob die Zeit und Energie, die du investierst, sich jemals auszahlen werden.
Jede dieser Formen hat eine andere Ursache. Das bedeutet, dass jede von ihnen eine andere Antwort erfordert.
Was man eigentlich tun sollt - abgestimmt auf das, was du wirklich fühlst
Wenn es eine Kreativblockade ist, senke die Erwartungen komplett. Hör auf, gute Arbeit machen zu wollen, und versuche stattdessen, schlechte Arbeit zu machen. Öffne ein Skizzenbuch ohne irgendein Ziel. Zeichne hässliche Dinge. Wechsle zu einem Medium, das du sonst nicht nutzt. Die Blockade ist fast immer ein Druckproblem – die Erwartung, dass das, was du machst, etwas wert sein muss. Nimm die Erwartung weg, und die Blockade löst sich normalerweise auf.
Wenn es eine Vergleichs-Spirale ist, kuratiere deine Inputs gnadenlos. Denen du online folgst, prägen deine Einstellung zu deiner eigenen Arbeit auf eine Weise, die du beim Scrollen gar nicht voll wahrnimmst. Wenn das Ansehen der Arbeiten von jemandem dazu führt, dass du dich mit deinen eigenen Werken schlechter fühlst, folge dieser Person nicht länger. Nicht, weil ihre Arbeit nicht gut ist – das ist sie wahrscheinlich. Aber du darfst dein mentales Umfeld selbst gestalten. Fülle es mit Arbeiten, die dich inspirieren, statt dich herunterzuziehen.
Wenn es existenzielle Zweifel sind, kehre zu dem Grund zurück, warum du angefangen hast. Nicht die beruflichen Gründe, nicht die Ziele, die du dir gesteckt hast, nicht das, was du dir vom Zeichnen für dein Leben erhofft hast. Der ursprüngliche Grund. Das, was dich dazu gebracht hat, einen Stift aufzuheben, bevor jemand zugesehen hat. Bevor es ein Publikum, ein Portfolio oder Vergleiche gab. Dieser Grund ist immer noch da. Manchmal musst du dich nur daran erinnern, dass er existiert.

Zeichnungen von Antonio Stappaerts, alter Mann mit Brille und einer Kollektion von Affenschädeln. Mit schwarzem Stift gezeichnet.
Was dir keiner über Künstler erzählt, die nicht aufgegeben haben
Sie alle wollten es. An irgendeinem Punkt saß jeder Künstler, dessen Werk du bewunderst, mit genau demselben Gefühl da, mit dem du gerade dasitzt. Die Leinwand, die nicht funktionieren wollte. Das Jahr, in dem sich nichts verbessert hat. Der Morgen, an dem sie das Skizzenbuch aufschlugen und sich einfach nicht dazu bringen konnten anzufangen.
Der Unterschied zwischen ihnen und den Künstlern, die aufgehört haben, ist nicht Talent. Es ist keine besondere Reserve an Motivation oder Willenskraft. Es ist, dass sie trotzdem geblieben sind. Nicht heroisch, sondern leise, stur und unperfekt. Sie sind am nächsten Tag wieder aufgetaucht und haben etwas Schlechtes gemacht, und am Tag darauf ebenfalls, bis sich etwas änderte.
Du hörst nichts von diesem Teil, weil fertige Arbeiten nicht mit einer Aufzeichnung all der Phasen daherkommen, die fast nicht stattgefunden hätten. Das Portfolio sieht sauber aus. Der Karriereweg wirkt durchdacht. Aber hinter fast jedem Künstler, den du bewunderst, steckt genau desselben Gefühls, das du jetzt gerade hast – und die Entscheidung, trotzdem weiterzumachen.
Etwas, das du jetzt sofort tun kannst
Versuche nicht, alles auf einmal zu reparieren. Mach keinen Plan, setze dir keine neuen Ziele und strukturiere dein Training nicht um. Tu einfach eine einzige kleine Sache.
Öffne ein Skizzenbuch. Zeichne einen Gegenstand. Stelle einen Timer auf 10 Minuten und zeichne ein paar Würfel nur mit dem Ziel, die Zeit auszufüllen. Lass das für heute genug sein.
Die Rückkehr zur Kunst nach einer schwierigen Phase sieht selten wie ein triumphales Comeback aus. Sie sieht meistens aus wie ein ruhiger Dienstag, an dem du dich hingesetzt und etwas Kleines geschafft hast und es fühlte sich etwas weniger furchtbar an, als du erwartet hattest. Das ist alles. Das ist das ganze Geheimnis. Fange dort an.
Und falls ein Teil dessen, was es so schwer macht, das Gefühl ist, damit allein zu sein – als würde niemand um dich herum verstehen, wie sich dieser Kampf anfühlt – dann lohnt es sich, den Artwod Community Hub kennenzulernen. Es ist ein Ort, an dem Künstler auf jedem Level ihre Arbeiten teilen, echtes Feedback geben und bekommen und gemeinsam mitten im unperfekten Prozess stehen. Manchmal ist das, was dich weitermachen lässt, keine Technik und kein Tipp. Es ist einfach das Wissen, dass andere genau dasselbe durchmachen.
Aufgeben zu wollen ist Teil der Reise. Kein Umweg, sonder ein Teil davon. Die Zweifel, die Frustration, dieser öde Dienstag, an dem sich nichts lohnend anfühlt – das sind keine Anzeichen dafür, dass du den falschen Pfad gewählt hast. Es sind Zeichen dafür, dass dir das Ziel wichtig genug ist, um die Distanz dorthin zu spüren.
Die Tatsache, dass du das hier liest, bedeutet, dass du noch nicht aufgegeben hast. Und das zählt mehr, als du denkst



